Sonntag, 11. Februar 2007

Extrem-Matsch-Rutsching

Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter - oder wie war das gleich ? Na hoffentlich.
Aber mal von Anfang an.
Gestern abend war ich bei unseren Freunden Audrey und Philippe zum Essen eingeladen, und neben mir auch ein sehr sympathisches Ehepaar, beide so um die 50 und Ur-Semurer. Wir hatten einen sehr netten und lustigen Abend. Aber das beste ist, daß Jean-Paul auch Läufer ist und natürlich die ganze Gegend hier wie seine Jackentasche kennt. Also hab ich ihn gleich mal angehauen, ob er mir nicht eine besonders schöne Laufstrecke verraten könne, die ich vielleicht noch nicht kenne.
Er konnte :)
Es wurden Papier und Zettel hervorgekramt, und dann hat er gezeichnet und erklärt und Skizzen gemalt und beschrieben, was das Zeug hielt. Er wollte mir eine Strecke nahebringen, die er für eines der schönsten Eckchen im ganzen Auxois hält, und da war ich natürlich sofort Feuer und Flamme. Es war nicht ganz einfach zu erklären, da es größtenteils wirklich durch No-Man's-Land fernab der Zivilisation gehen würde, und seine Frau konnte auch nicht umhin, während seiner Beschreibungen mehrmals ein beängstigtes "oh wei, sie wird sich so verlaufen, sie wird sich verlaufen" hervorzustoßen, aber Powerhasi ließ sich nicht schrecken und war überzeugt, daß sie das schon schaffen würde. Auch wenn es eine Tatsache ist, daß ich nicht gerade eine Leuchte in Sachen Orientierung bin.
Jean-Paul hatte geschätzt, daß die Strecke mindestens 20 Kilometer lang sein würde, und das war mir recht, da ich heute sowieso länger laufen wollte.
Als ich heute morgen aufstand, regnete es. Grmpf. Stört mich ja eigentlich nicht, aber so einen langen Lauf schon bei Regen anzufangen, ist dann doch nicht das Wahre. Aber egal. Was mich viel mehr schreckte, war der Wind, der so richtig saftig um die Bäume blies. Aber egal. Ich bin kein Schattenparkerhasi und ich mach das heute, Punkt.
Ich bin vorm Loslaufen noch schnell bei Audrey vorbei und hab ihr gesagt, daß ich jetzt loslaufe, und daß sie doch heute abend bitte einfach mal bei mir anrufen möchte und dann den Suchtrupp losschicken, falls ich bis dahin noch nicht zurück wäre. OK, wird gemacht.
So lief ich los und war richtig guter Dinge. Ich freute mich auf diese Entdeckungstour, hatte den gezeichneten Plan von Jean-Paul sicher in der Jackentasche und ließ mich vom Wind und Regen nicht schrecken. Zuerst ging es nach Villars, das kenne ich auswendig, und dann Richtung Massingy, das kenn ich auch. Aber anstatt nach Massingy abzubiegen, muß ich links in Richtung "La Courtine" hoppeln, hat Jean-Paul mir erklärt. Das ist ein wunderhübsches Dorf, das ganz oben auf einem Hügel liegt und von dem aus man eine traumhafte Aussicht auf das Auxois hat. Aber ich bin ja zum Laufen hier und nicht zum Aussicht bewundern, außerdem bleibe ich während meiner Läufe grundsätzlich nicht stehen, also weiter.
In La Courtine sollte ich den ersten Weg links nehmen, so Jean-Pauls Hinweis. OK. Ab hier war es dann schon mal vorbei mit den asphaltierten Wegen - es wurde ein kleines bissi schmutzig (beschönigend ausgedrückt). Und dann fing ich an, mich hoffnungslos zu verfransen. Jean-Paul hatte es gut gemeint mit seiner Erklärung, aber er hat es mir schlicht und einfach zu gut erklärt. Hätte er mir einfach nur gesagt, ich solle dem Schild Richtung Cormaillot folgen, hätte mir gar nichts passieren können. Aber er hatte mir lang und breit erläutert, daß ich an mehreren Weggabelungen vorbeikommen würde, und daß ich die erste auf keinen Fall nach links abbiegen dürfe, die zweite nicht nach rechts, erst die dritte dann, halt, nein, es war doch die vierte, also nicht in Richtung Lavoir, sondern in die entgegengesetzte Richtung, verstehsch ? Öhm, nö, ich versteh gar nichts, aber ich werd schon klarkommen. Weit gefehlt. Ich hab mich an jeder Weggabelung verfranst, hab immer wieder die falsche Richtung genommen, bin immer mindestens 500 m bis 1 km in die falsche Richtung gehoppelt, bis mir klar wurde, daß das nicht stimmen konnte, also wieder zurück..... und das ganze Spielchen mehrmals. Ich hab versucht, es mit Humor zu sehen und mich nicht aufzuregen, hatte ich doch erst 8 km hinter mir. Was mir die Sache enorm erschwert hat, war der Schlamm. Die Wege waren total aufgeweicht und ich steckte manchmal fast bis zum Knöchel im Schlamm (meine Schuhe sehen jetzt vielleicht aus !!), und das glitscht und rutscht dann immer so nett, daß man bei jedem Schritt, den man macht, wieder um die Hälfte zurückrutscht. Schlimmer als Schnee ist das, der Kraftaufwand ist immens.
Nach mehreren Fehlversuchen hatte ich dann doch die richtige Richtung gefunden, ich war nun wirklich fernab von jeder Zivilisation mitten im Wald, dazu regnete es immer heftiger und der Wind blies immer fieser, aber ich hoppelte tapfer weiter. Laut Jean-Paul sollte ich dann einfach dem Weg folgen, irgendwann würde es wieder bergab gehen und ich würde auf der Straße landen, und dort solle ich Richtung Lantilly laufen. Es ging in der Tat bergab, Bergab"laufen" im knöcheltiefen Extremmatsch ist auch lustig, man rutscht eigentlich mehr als daß man läuft, und ich fand es schon wieder fast amüsant, ich rutschte fröhlich vor mich hin und ließ mich naßregnen. Bis ich dann auf einmal an eine Kreuzung mitten im Wald stieß. Ich hatte nun die Möglichkeit, nach links zu rutschen, nach rechts oder geradeaus. Und ich hatte keine Ahnung. Weiterrutschen würde ich müssen, soviel war klar, aber in welche verdammte Richtung ? Und warum hat Jean-Paul diese verdammte Kreuzung nicht erwähnt ? Ich folgte einfach meinem Haseninstinkt und bog nach rechts ab. Wahrscheinlich, weil es da "am bergabsten" ging und ich ja "unten" die Straße wiederfinden sollte. Und so war es dann auch. Nach noch ca. einem weiteren Kilometer Extremschlammbergabgerutsche fand ich mich auf der Straße nach Lantilly wieder und hätte vor Freude fast geheult. Was für eine unendliche Wohltat, auf Asphalt zu laufen !!! Leider sollte mir diese Freude nicht lange erhalten bleiben. Ich fand das Dorf Cormaillot (ich schätze mal: zwischen 37 und 43 Einwohnern dürfte es haben, die Hühner und Schafe mit eingeschlossen), durchquerte es, wie von Jean-Paul angewiesen, und fand mich, sobald ich durch war, erneut auf einem Schlammweg wieder. Was hatte ich das vermißt *mit den Augen roll*. Na gut, da muß ich durch. Das Fiese war nur: diesmal ging es im Extrem-Matsching steil bergauf. Und das ist ja mal richtig gemein. Gegenwind hatte ich natürlich auch, und ich rutschte bei jedem Schritt eigentlich immer wieder fast genausoweit zurück, wie ich vorwärtsgekommen war - es war eine Qual. Ironischerweise kam ausgerechnet jetzt, genau in diesem Moment, in meinem IPod das Lied Mittelpunkt der Welt von Element of Crime, in dem Sven singt, Kaufst du Schuhe, nimmst du die mit den Nägeln untendran. Haha, sehr witzig. Ja danke, Sven, die hätte ich jetzt auch gerne, bringst du sie mir schnell vorbei ? Ich verfluchte diesen ganzen verdammten Lauf und das Auxois und Jean-Paul und, wenn wir schon dabei sind, überhaupt ganz Frankreich und alle Franzosen, jawohl, alle doof :)
Ich machte dann etwas, was ich sonst nie mache. Wirklich nie. Fragt Charly, der wird es euch bestätigen. Ich konnte einfach nicht mehr und hörte deswegen auf zu laufen und bin stattdessen gegangen. Einfach so. Charly, da fällt dir die Klappe runter, was ? Aber es stimmt ! Ich bin diesen ganzen verfluchten Matschberg hochgegangen und bin erst wieder in Laufschritt verfallen, als es wieder eben und nicht mehr ganz so matschig war.
Ich sags euch ehrlich, der Spaßfaktor war bei diesem Lauf sehr gering. Es war einfach eine Qual, sich durch diesen rutschigen Matsch zu kämpfen. Irgendwann kam ich dann an eine Kuppe, an der ich eine wunderschöne Aussicht über die ganze Landschaft hatte, und dachte mir auf einmal, wow, das ist ja wirklich wunderschön ! Ich hab ganz vergessen, die schöne Landschaft zu bewundern, aber ich war ja auch viel zu sehr mit der Rutscherei beschäftigt ! Da hab ich mir dann vorgenommen, diesen Lauf noch einmal mit Charly im Frühling zu machen, aber nur, wenn es mindestens ein paar Wochen vorher keinen Tropfen geregnet hat und die Wege trocken sind. Aber staubtrocken, bitteschön ! *insistier*
Ich kam dann irgendwann wieder nach Villars rein und freute mich, daß ich mich jetzt zumindest nicht mehr verlaufen würde und wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Noch 5 Kilometer bis Hasenstall, los, Hase, das packst du.
Psychisch nicht sehr aufbauend war dann wieder einmal mehr meine liebe verhaßte Semurer Allee. Sie ist genau 2.5 km lang, das ist nicht viel, aber ich hatte vollen Gegenwind und einfach nur den Eindruck, sie sei mindestens 42 km lang, wenn nicht noch mehr. Sie ist einfach so schnurgerade ! Wie wichtig der Kopf bei sowas ist, ist wirklich erstaunlich. Aber ich habe auch die Allee noch bekämpft und landete nach genau 23 Kilometern wieder vor meinem Hasenstall. Gebraucht hab ich dafür 2 Stunden und 41 Minuten. Für Extrem-Matsch-Rutsching gar nicht so schlecht, finde ich. Ich hab's geschafft :)

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Kreisch!!!
Was machst DU denn für Läufe :)
Puh, das war bestimmt sehr hart.
Ich kenn das Kaff da oben, da war ich schonmal, aber ich bin dann brav umgedreht, weil ich keinen ordentlich Weg gefunden hab. Da ist so ein kleines gelbes Schild, das dir sagt, dass man da laufen kann, aber das wars dann. Im Matsch ist das bestimmt hart.
Meinst echt, wir laufen die Strecke mal zusammen? :)
Da warst du aber ganz schön tapfer mein Schatz. Da kannst du schon sehr stolz auf dich sein, ich bins nämlich auch

Blumenmond hat gesagt…

Wow, das hört sich ja richtig anstrengend an. Scheint grundsätzlich kein spassiger Lauf-Sonntag zu sein, was?

Aber tapfer durchgehalten - Respekt!

Anonym hat gesagt…

Hallo Kerstin!
Allerlei Achtung! Reife Leistung im Kampf gegen den Matsch und den inneren Schweinehund. Du hast gesiegt und danach sicher die Dusche um so mehr genossen.
Liebe Grüße
von
Fritz-Norbert

Anonym hat gesagt…

Mensch, so kann ich dich doch nie im Kilometerspiel einholen :-((
Aber du hattest ja wirklich noch schlimmere Bedingungen wie wir heute. Bei uns gab es keinen Schlamm. :-)
Schön dass es wieder so gut läuft bei dir !

Martin

Anonym hat gesagt…

Du bist wirklich hart im Nehmen, Hase, und jetzt komm' ich mir vor wie ein Jammerlappen, weil ich in meinem bisschen Regen ohne Schlamm und mit noch 3 Kilometern weniger schon rumgememmt habe:-)
Ich finde, solche Läufe sollten mindestens 10% Kilometerbonus haben, also eigentlich war das ein 26 Kilometerlauf...aber das gillet ja nicht. Trotzdem, vom Trainingseffekt her waren's 26 Kilometer, jawohl!
Gruß
Manu

Anonym hat gesagt…

Mensch, Fiepilein, da wird's mir ja schon schwummerig, wenn ich das lese, mein armes, armes Kind!
Aber - Du bist verdammt hart im Nehmen, Respekt, Respekt!
Mama

Anonym hat gesagt…

Hallo Kerstin,
wirklich schön beschrieben euren gemeinsamen frühlings-lauf und toll zusammen berichtet.
danke auch für deine nachricht habe mich sehr darübergefreut.
LG sylvia